Wenn Konzepte nicht reformierbar sind, muss man sie abschaffen!

Ein Theaterspiel in 3 Akten

Exposition
„Taktik bedeutet, das zu tun, was man kann, mit dem, was man hat. In der Welt des Gebens und Nehmens ist Taktik die Kunst des richtigen Gebens und Nehmens. Wir wollen uns hier mit der Taktik des Nehmens beschäftigen, nämlich wie die Ausgebeuteten den Herrschenden und Besitzenden Macht nehmen.
Um ein wenig zu veranschaulichen, was Taktik ist, wollen wir das Gesicht nehmen (…).
Zunächst die Augen: Wenn man eine (..) mitgliederstarke Basisorganisation aufgebaut hat, kann man damit sichtbar vor dem Gegner protzen und offen die eigene Macht demonstrieren.
Nun die Ohren: Falls die Organisation noch klein sein sollte, muss man das tun, was Gideon tat – verheimliche die Zahl der Mitglieder, aber versuche einen Lärm und ein Geschrei, dass die Zuhörer glauben, deine Organisation sei größer, als sie tatsächlich ist.
Schließlich die Nase: Falls deine Organisation zu klein sein sollte, um Krach zu schlagen, verbreite überall einen Gestank wie die Pest.
Erinnere dich immer an die erste Regel der Machttaktiken: Macht ist nicht nur das, was du besitzt, sondern das, von dem der Gegner meint, dass du es hast.“
(von Saul Alinsky, Call Me A Radical S.158)

Konfrontation
„Als ich drei Tage fixiert war, war es schlimm für mich. (…) Sie wollten mich brechen. Ich wehrte mich.
Nach dem ersten Tag war ich noch bockig. Die Erzieher kamen immer mal wieder rein und haben versucht, Macht zu demonstrieren. Ich hatte Hunger. Ich beleidigte sie, als das, was sie waren, Monster. Am zweiten Tag war der Hunger so schlimm, dass ich teilweise nachgab. Sie ließen eine Hand frei, damit ich essen konnte. (…) Sie verlangten Zwangssport. Ich weigerte mich. Sie halfen mir nach, um erzwungene Kniebeuge zu simulieren. Ich ließ mich auf den Boden fallen. Ich schrie sie an, sie sollen mich nicht anfassen. Ich trat nach den Erziehern. Ich wurde wieder fixiert.
Sie eskalierten die Situation (…) so oft, dass ich nicht genau beziffern kann, wie oft ich fixiert und defixiert wurde. In den drei Tagen war ich ungefähr zwölf Stunden nicht fixiert gewesen. (…) Es war ein Marathon.“ (Renzo, in: Dressur zu Mündigkeit, S. 69)

Stufe 0: „Ein Hangaround (…) muss um 20 Uhr im Haus sein (…). Der Jugendliche (..) darf keine Heimfahrt antreten. Der Kontakt zu der Familie wird auf ein Minimum begrenzt (…).
Stufe 1: „Ein Prospect bekommt abends 100 Gramm Süßes. Voraussetzung (..): 65 Punkte bei der Betreuerwertung der Vorwoche. Ab Stufe 1 kann Exklusivzeit in Anspruch genommen werden.“
Stufe 2: „Ein Prospect First-Class darf (..) ein Mal im Monat bei Externen übernachten. Pflicht um die nächste Stufe zu erreichen: Er muss 10 Stunden für die Gruppe arbeiten.“
Stufe 3: „Als Würdigung (..) der Tatsache, dass ein Jugendlicher die Stufe 3 Member erreicht, findet ein Essen mit allen (..) in einem Restaurant statt. Dabei werden (..) im feierlichen Rahmen eine Urkunde, ein Geschenk mit Gravur und ein symbolischer Schlüssel übergeben.“ (aus dem Konzept des Jugendhof Pohl Göns e.V.)

Auflösung
„Die Kritik der [Geschlossenen Unterbringung] endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Frei nach Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; MEW 1, S. 385)

Abspann
In Hessen gibt es eine geschlossene Unterbringung und viele Einrichtungen, die in Graubereichen agieren. Wir als Regionalgruppe wollen über folgendes sprechen:
Eine Sozialpädagogik,
• die Kinderrechte stärkt,
• die ohne Zwang und Unterdrückung auskommt,
• die Mitbestimmung und dialogisches Aushandeln fokussiert,
• die mit einer offenen Fehlerkultur an weniger erfolgreichen Verläufen gemeinsam lernen lässt.
Wir wünschen uns ein Kinder- und Jugendhilfesystem, das die Stärken regionaler Kooperation und Vernetzung aufweist – Einfach, um zu schauen, wo es noch hingehen könnte.

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