Fragen an den Bremer Senat: Haben wir in Bremen ein Heim mit Teilschließung und mit Phasenmodell? (März 2020)

I. “Sattelhof” : Es tauchen viele (bisher unbeantwortete) Fragen auf zu dem seit Februar 2020 von der Inneren Mission betriebenen Heimprojekt für Jugendliche im sog. “Sattelhof” wie auch zu andern “intensivpädagogischen” Einrichtungen. In dieser Infosammlung vom Febr. 2020 sind öffentlich zugängliche Dokumente und Presseberichte nachzulesen. Im Weserkurier vom 27.01.2020 heißt es am Ende des Artikels:

“Der größere Teil der Einrichtung wird voraussichtlich ohnehin der intensivpädagogischen Betreuung vorbehalten sein, sagt der Sprecher des Sozialressorts. „Hintergrund ist, dass erfahrungsgemäß nur wenige Haftvermeidungsplätze in Bremen benötigt werden.“ Zuletzt ist dieser Fall demnach im Herbst 2019 eingetreten.

Im Sattelhof sollen bis zu acht Minderjährige und bei Bedarf auch junge Volljährige vollstationär untergebracht werden. „Sie sollen sich hier darauf konzentrieren, ihren Lebensweg anders zu gestalten“, berichtet Katharina Kähler. Es handele sich aber nicht um eine geschlossene Einrichtung. Katharina Kähler spricht von einem abgestuften Belegungskonzept: Ausgang müsse sich erarbeitet werden. Verfehlungen innerhalb und außerhalb der Einrichtung und mangelnde Kooperation, heißt es beim Sozialressort, können jedoch dazu führen, dass der Betreffende doch noch in Haft muss.”

Deshalb Frage Nummer 1 : Liegt hier neben dem Haftvermeidungsprojekt ein Mischkonzept für verschiedene Adressatengruppen vor, incl. Maßnahmen nach § 34 SGB VIII ?

II. Laut pädagogischem Konzept der Einrichtung richtet sich

“Das Angebot der Einrichtung … primär an straffällig gewordene Bremer Jugendliche, denen eine Untersuchungshaft droht oder bei denen eine Untersuchungshaftverkürzung erfolgen soll und die auf richterliche Weisung in einem Setting der Erziehungshilfe untergebracht werden sollen.”

Aber es soll auch um die “Erfüllung stationärer Bewährungsauflagen” gehen. Und ist es in dem Fall zulässig mit folgenden, im Konzept ebenfalls auftauchenden Maßnahmen zu arbeiten?

“Wir schränken die Bewegungsfreiheit des Jugendlichen phasenweise bewusst stark ein. Dies ist aufgrund des erheblichen Mangels an verinnerlichter Struktur sowie mangelnder Selbststeuerungskompetenz notwendig und teilweise auch Auflage des Jugendgerichts.

Hier wird also möglicherweise ein Token-System und ein Phasen-Modell eingesetzt , was eben gerade aus pädagogischen Gründen abzulehnen wäre, weil das – wie vielfach kritisiert eher einer Dressur gleicht und im Widerspruch steht zu moderner Erziehung zur Mündigkeit und mit den Prinzipien der UN-Kinderrechtskonzeption. 

Deshalb Frage Nummer 2 : Werden im Sattelhof – als “pädagogisches System” Token und Phasen-Modelle eingesetzt?

III. Die “Initiative für Kinder, Jugendliche und Familien GmbH”, eine Tochtergesellschaft der Initiative zur sozialen Rehabilitation betreibt in Bremen drei “intensivpädagogische Wohngruppen”: Port Nord, Port Lorent und Feuerwache

Die Trägerschaft dieser drei Einrichtungen hat mehrfach gewechselt. Port Lorent z.B. war früher Teil der sog. “Kannenberg Akademie”, wechselte dann 2019 zur Diakonischen Jugendhilfe Bremen (jub). Jetzt erfolgte wieder ein Trägerwechsel zur Initiative für Kinder, Jugendliche und Familien GmbH.

Unter Port Nord findet sich folgender einleitender Satz: “Die Intensivpädagogische Wohngruppe ist eine spezialisierte Einrichtung für Kinder und jüngere Jugendliche mit derart herausfordernden Auffälligkeiten im Sozialverhalten, Traumatisierungen und / oder psychiatrischen Störungsbildern, denen in Regeleinrichtungen der Bremer Jugendhilfe nicht begegnet werden kann….”

Unter Port Lorent findet sich (noch beim bisherigen Träger jub) folgender einleitender Satz: “Ab März 2019 bieten wir eine niedrigschwellig-individualpädagogische Betreuung an für männliche Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren (in Ausnahmefällen auch jünger bzw. älter), die aufgrund ihres herausfordernden Verhaltens in Regeleinrichtungen der Jugendhilfe nicht zu halten sind….”

Fragen Nummer 3: Was waren die Hintergründe für diese häufigen Trägerwechsel? Welche konzeptionellen Veränderungen haben in Verlauf der Trägerwechsel stattgefunden ? Für welche Adressatengruppen werden die 3 Einrichtungen vorgehalten? Welche Partner, z.B. die “geschützte Station in der Jugendpsychiatrie” kooperieren mit den Einrichtungen. Wird in den drei Einrichtungen mit “Token” und “Phasen”- Modellen gearbeitet ? Welche Evaluationen der Arbeit in diesen Einrichtungen liegen vor, bzw. sind geplant?

—————————————————————————————————————————–

Anhang: Entwicklung ausserfamilialer Unterbringungen Bremer Kinder in und außerhalb Bremens 2005-2018. Trotz hehrer Absichten (“Bremer leben in Bremen”) erfolgen seit Jahrzehnten ein Großteil der Heimunterbringungen außerhalb Bremens, darunter auch in inzwischen nicht mehr existenten Skandaleinrichtungen weit weg. Die Bremer Heimaufsicht /das Bremer Jugendamt / die für das Kindeswohl zuständigen fallführenden SozialarbeiterInnen hatten bisher keinen Anteil an der Aufdeckung der Missstände in den genannten Einrichtungen; schon allein wegen der räumlichen Distanz. Diese Kindeswohl gefährdenden staatlichen Strukturen werden seit Jahren kritisiert.

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelle Materialien, Bremen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.