Für eine inklusive und subjektorientierte Kinder- und Jugendhilfe in Thüringen – gegen freiheitsentziehende und sonstige Zwangsmaßnahmen (29.10.2019)

Unter der Federführung des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS; Referat 4 3 Heimaufsicht, erzieherische Hilfen) wurde in Bezug auf den LJHA-Beschluss 120/14 Nr. 3 eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, ein „Strategiepapier für den Aus- und Aufbau spezialisierter Angebotsformen für Kinder und Jugendliche mit besonderen erzieherischen Bedarfen“ zu erarbeiten. In dem Zusammenhang wurden folgende fünf Einrichtungsspezifika erörtert:

  • Eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit freiheitsentziehenden Maßnahmen
  • Einrichtung(en)/Angebot(e) für sog. „Systemsprenger“ (ab 14 Jahre, flexible niedrigschwellige Angebote, z. B. sog. „Bauwagenprojekte“ etc., stadtnahe Angebote)
  • Einrichtung(en) für Kinder/Jugendliche mit stark sexualisiertem Verhalten (…)
  • Intensivtherapeutische Angebote für stark verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche
  • Einrichtung(en) für Kinder von 0-6 Jahre (Einrichtungen schon in Planung… eher reizarme Gegend, ggf. geschütztes Angebot).

Auf dieser Grundlage diskutieren das TMBJS und der LJHA Thüringen fachliche Rahmenbedingungen für den Betrieb derartiger Angebote und Einrichtungen in Thüringen zu schaffen.

Mit diesem Papier möchten wir, die Unterzeichner*innen, unsere Position einbringen und Stellung hinsichtlich der Wahrung der Kinderrechte beziehen.

(Diese Stellungnahme steht hier als pdf Datei incl. Fußnoten und Quellenangaben zum Download zur Verfügung)

Vorweg sei geschickt, dass wir sehen, wie die Jugendhilfe unter Druck steht und dass es irritierende Situationen gibt, die hoch komplex sind und sowohl die beteiligten Kinder/Jugendlichen und Familien als auch die beteiligten Helfer*innen an ihre Grenzen bringen. In deren Verlauf fühlen sich letztlich alle Beteiligten (zeitweilig) ohnmächtig und hilflos oder gar wütend und verletzt. In der Regel – das zeigen empirisch-rekonstruktiv angelegte Forschungen (vgl. Menk et al. 2013; Cinkl 2017) – sind solche Situationen das Ergebnis vorab fehlgelaufener Interaktionen zwischen Angehörigen des Hilfesystems und den Betroffenen (vgl. Bolz et al. 2019) oder mangelhafter Hilfeplanung. Auch nicht ausgeschlossen werden kann, dass unter stark belastenden und belasteten Arbeitssituationen im ASD sich ein ‘trial and error‘ Verfahren durchsetzt, in dem nicht die ‘geeignete‘, sondern die ‘schnell erreichbare‘ Hilfe eingesetzt wird. Solche Effekte lassen sich vermeiden, wenn und indem bessere ‘Passungsverhältnisse‘ zwischen Betroffenen und Hilfsangeboten gesucht und gefunden werden (Rätz-Heinisch 2005; Hußmann 2011).

Eine strategische Ausrichtung in Richtung Spezialisierung von Einrichtungen und Angeboten stellt dagegen u. E. keine zeitgemäße Reaktionsweise dar, sondern wiederholt vielmehr das, was sich seit Beginn der professionalisierten Kinder- und Jugendhilfe nachzeichnen lässt. Auffällig ist hier nicht nur, dass „die Annahme einer ‘Unerziehbarkeit‘/‘Persönlichkeitsstörung‘ bzw. ‘Unerreichbarkeit‘ … immer wieder aufkommt, sondern auch die Vorschläge, welche institutionellen Konsequenzen zu ziehen seien … eine verblüffende Strukturanalogie über die letzten anderthalb Jahrhunderte hinweg“ zeigen. Es gelte „‘unerziehbare Jugendliche‘ an gesonderten Orten unterzubringen“ (Oelkers et al 2013,161 FN2). Immer dann, wenn Helfer*innen an ihre Grenzen kommen, wird der Wunsch und der Ruf nach spezialisierten Einrichtungen geäußert, die vermeintlich am besten (oder jedenfalls besser als die je eigene Einrichtung) geeignet wären, auf ‘solche speziellen Kinder‘ oder ‘besondere erzieherische Bedarfe‘ zu reagieren. Dieses ist aber u. E. ein Weg, der nachgewiesenermaßen in eine Sackgasse und zu (unbeabsichtigten) nicht wünschbaren Nebenfolgen führt.

Wir wissen, dass spezialisierte Einrichtungen zu Phänomenen wie „verlegen und abschieben“ und damit zu „Jugendhilfekarrieren“ beitragen. Je spezialisierter eine Einrichtung, umso mehr Ausschlusskriterien können aus der Spezialisierung heraus begründet werden und umso stärker wirkt die Tendenz, Kinder und Jugendliche so zu beschreiben – d.h. so defizitär und z.T. diskriminierend beschreiben zu müssen –, dass sie zum hochspezialisierten und hochselektiven Einrichtungsprofil passen.

Unter der Chiffre Spezialisierung wird im Thüringer Papier zudem die Geschlossene Unterbringung (GU) bzw. werden moderner: „freiheitsentziehende Maßnahmen“ als ein „Einrichtungstyp“ neben anderen spezialisierten Einrichtungen verhandelt. Ungeachtet der Tatsache, dass Einrichtungen mit freiheitsentziehenden Maßnahmen kein Einrichtungstyp wie andere sind, wurde bislang begründet von solchen Einrichtungen abgesehen: In dem
Beschluss 120/14 spricht sich der LJHA aus „pädagogischen und gesellschaftspolitischen Erwägungen“ heraus zu Recht gegen GU aus.

Die öffentlich gewordenen Skandale zur Haasenburg, aber auch von offenen, sog. intensivpädagogischen Einrichtungen (z.B. Friesenhof, zuletzt „IPP Neustart“ in Jänischwalde – vgl. TAZ vom 21./22.9. und 25.9.), zeigen deutlich, wie in Einrichtungen, die auf externer oder auch interner Geschlossenheit oder Belohnungs- und Bestrafungssystemen sowie Zwang basieren, Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen (bewusst) ignoriert werden, – auch wenn dies vorgeblich zum Wohle des Kindes geschieht. Damit werden Erfahrungen für die betroffenen Kinder wahrscheinlicher, die Missachtung, Grenzverletzungen und nicht zuletzt Gewalt beinhalten können. In diesem Kontext ist nicht oft genug daran zu erinnern, dass es die Strukturen und Konzepte sind, die solche Missachtungen eben grundsätzlich ermöglichen. Auch wenn im besten Fall sehr gut ausgebildete, hochmotivierte und emphatische Fachkräfte in diesen Einrichtungen arbeiten, bleiben solche Strukturen nicht ohne Folgen für ihr Handeln. Es war und ist deshalb sinnvoll und richtig, auf solche Einrichtungen freiheitsentziehenden Charakters weiterhin zu verzichten und auch intensiv-pädagogische oder intensiv-therapeutische Einrichtungen und Maßnahmen zurückzufahren.

Bisher gibt es in Thüringen keine Einrichtung, die Kinder und Jugendliche im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe geschlossen unterbringt. Dieses soll sich im Frühjahr 2020 ändern; das ökumenische Hainich Klinikum plant die Eröffnung einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit freiheitsentziehenden Maßnahmen (geplante Kapazität: 2×7 Plätze). Woraus sich dieser angebliche Bedarf ergibt, wird im Übrigen ebenso wenig dargelegt wie der Bedarf an den anderen hochspezialisiert ausgebauten Plätzen.

Neuere und ältere Studien zur GU (Hoops/Permien 2006; jüngst Menk et al. 2013, 58 f.) zeigen, dass die Jugendlichen, die geschlossen untergebracht werden, sich bezüglich biographischer Belastungen und/oder „Auffälligkeiten“/„Delinquenz“ nicht von solchen in offenen Gruppen unterscheiden. „Entscheidungen für freiheitsentziehende Maßnahmen scheinen also hochgradig von Kontingenzen, blinden Flecken, Etikettierungsprozessen, politischem Klima, persönlichen Erfahrungen der EntscheiderInnen, dem Leistungsprofil und -willen regional vorhandener Jugendhilfe etc. abzuhängen und erscheinen oft als
‚Negativindikation‘ in dem Sinne, dass man nicht weiß, was man mit der oder dem Jugendlichen angesichts hohen erzieherischen Bedarfs machen soll“ (AG der IGfH 2013:54). Dies bedeutet nichts anderes als vorhandene Unzulänglichkeiten des Jugendhilfesystems zulasten der Betroffenen aufzulösen, was sicherlich nicht im besten Interesse des Kindes(UN-KRK) ist.

Spätestens an dieser Stelle ist auch an das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung zu erinnern, wobei der Gewaltbegriff des § 1631 Abs.2 BGB explizit auch „entwürdigende Maßnahmen“ miteinbezieht und folglich gewaltfreie Erziehung den Verzicht auf ebensolche Maßnahmen umfasst (vgl. Häbel 2016, 2019). Dieses Recht setzt jeglichem erzieherischen Handeln Grenzen und beschränkt sich nicht auf den privaten Bereich.
Wir fordern daher, Kinder und Jugendliche weder in Thüringen noch anderswo im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe geschlossen unterzubringen und auch keinen Einrichtungen und Maßnahmen eine Betriebserlaubnis zu erteilen, die dies ‘fakultativ‘ oder wie auch immer ‘gestuft‘ konzeptionell vorsehen.

Statt die Ressourcen in die Finanzierung teurer GU-Plätze und die Errichtung von Spezialeinrichtungen zu investieren, lohnt es sich, bestehende Einrichtungen und engagierte Fachkräfte so zu unterstützen und zu finanzieren, dass sie fachlich gute Arbeit machen können und es sich (auch finanziell) leisten können, individuelle, situationsbezogene Lösungen in sich als schwierig darstellenden Konstellationen – ggf. auch trägerübergreifend – zu entwickeln, wenn vorhandene Angebote nicht passen.

Anstelle einer strategischen Ausrichtung, die spezielle Einrichtungstypen welcher Art auch immer vorhalten will, wäre eine zeitgemäße Lösung, Kooperationsformen/-modelle freier Träger und öffentlicher Träger zu befördern oder zu implementieren, die es erlauben, unter sozialpädagogischen Gesichtspunkten im Rahmen der individuellen Hilfeplanung prozesshaft individuelle Hilfen zu entwickeln. Dass dieses auch in Thüringen möglich ist und in Einzelfällen bereits passiert, bestätigen Einrichtungsleiterinnen und Jugendamtskolleginnen gleichermaßen. Dass diese Einzelfalllösungen aufwendig sind, Geld, Zeit und Kraft kosten – und auch das Risiko des Scheiterns bergen, ist unbestritten. Ebenso unbestritten sind Erkenntnisse aus der Forschung (Menk et al. 2013), die zeigen, dass sich „kaum Hinweise darauf finden“ (lassen), dass „durch die geschlossene Unterbringung eine positive Wendung in lebens- und hilfegeschichtlichen Verläufen erreicht werden konnte“ (S. 286). GU hat bestenfalls nicht geschadet, bleibt zumeist nur eine Episode (vgl. zusammenfassend S. 278 ff.) und scheitert in den meisten Fällen. Mit anderen Worten: auch hier ist das Moment des Scheiterns – wie in allen pädagogischen Situationen – inhärent. Mehr noch: In keinem Hilfesegment ist die Abbruchrate höher (Ziegler 2017: 33).

Wie die Kinder- und Jugendhilfe mit schwierigen Situationen anders umgehen könnte, zeigen z.B. die Erfahrungen der Hamburger Kolleginnen. Seit fünf Jahren unterstützt die „Koordinierungsstelle individuelle Hilfen“ sowie ein Trägerverbund aus freien Trägern der Jugendhilfe Hamburgs ASD-Fachkräfte in der Lösungssuche bei schwierigen Fallverläufen. Die Koordinierungsstelle ist beim Paritätischen Wohlfahrtsverband angesiedelt und umfasst anderthalb Stellen. „Ausgangslage für das Projekt war, dass es eine kleine Gruppe von Jugendlichen gab und gibt, für die es keine oder nur nach monatelangem Suchen adäquate stationäre Hilfen zu geben schien. Besonders brisant für die Politik war dabei auch, dass diese ‚Fälle‘ für die Presse ‚ein gefundenes‘ Fressen waren, da sie entsprechende Schlagzeilen versprachen“ (Peters i.E.). Seit Bestehen des Projektes haben die Hamburger ASD-Kolleginnen in ca. 100 HzE-Fällen die Koordinierungsstelle um Unterstützung gebeten und es wurden gemeinsam Lösungen entwickelt. Die Koordinierungsstelle und der Trägerverbund als Partner berät und unterstützt die ASD-Kolleg*innen in der „Entwicklung und Umsetzung individueller und tragfähiger Hilfen für Kinder und Jugendliche mit komplexem Hilfebedarf“ (ebd.).

Ob man die Ausgangsbeschreibung, dass es eine „kleine Gruppe von Jugendlichen…gibt“, teilt oder nicht teilt, bleibt als Fakt – und das ist für die als ‘schwierig‘ Gekennzeichneten hilfreich –, dass subjektorientierte Hilfen und individuell akzeptable ‘Passungen‘ gefunden wurden. Denn auch wenn sich die Koordinierungsstelle explizit nicht als GU- Verhinderungsstelle versteht, zeigt ihre Bilanz nach fünf Jahren, dass mithilfe flexibler Hilfesettings GU weitestgehend verhindert wurde (TAZ vom 16.06.2019).

Es gibt also Modelle und Erfahrungen, die Alternativen anbieten – sowohl vor Ort in Thüringen als auch an anderen Orten der Bundesrepublik.

Wir fordern alle Entscheidungsträger daher auf, an der bereits 2014 im Landesjugendhilfeausschuss formulierten Position festzuhalten, wonach auch angesichts des Umstandes, dass freiheitsentziehende Maßnahmen/ GU rechtlich derzeit möglich wären, diese aus „pädagogischen und gesellschaftspolitischen Erwägungen“ fachlich auszuschließen sind. Es gibt hierzu keine neuen Erkenntnisse, die begründen könnten, von dieser Position abzuweichen. Um für adäquate Hilfen in ‘schwierigen Situationen‘ Vorsorge zu treffen, bedarf es neuer Wege jenseits des Rufs nach ‘Mehr Desselben‘ oder mehr des ‘Alten‘. Dafür braucht es Mut, politischen Willen und eine andere Steuerung der finanziellen Ausstattung, weg von spezialisierten Angeboten, hin zu individueller Förderung.

Mitzeichnende Personen
Prof. Friedhelm Peters, EHS Dresden
Univ.-Prof. Dr. Birgit Bütow, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Salzburg
Prof. Dr. Tilman Lutz, Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, Hamburg
Prof.(em.) Dr. Timm Kunstreich, Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg
Norman Böttcher, B.A. Soziale Arbeit, M.A. Gesellschaftstheorie, Nordhausen & Ludwigshafen
Manfred May, Benshausen
Dr. Agnés Arp, Jena
Univ. Prof. (i.R.) Dr. Michael Winkler, Nürnberg
Prof.’in Hannelore Häbel, Tübingen
Dr. Manfred Kappeler, Prof. i.R. (Technische Universität Berlin)
Norbert Struck, Berlin

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Kooperationspool Bremen (Stand 2019)

Bericht zum Bremer Kooperationspool vom 4.3.2019 im Jugendhilfeausschusses
vom 07.03.2019 und der Deputation für Soziales, Jugend und Integration vom 21.03.2019
https://www.soziales.bremen.de/sixcms/media.php/13/TOP%202%20S_Bericht
%20zum%20Kooperationspool.pdf

Auszug : „Im Rahmen des „Gesamtmaßnahmeplans für den Umgang mit delinquenten Jugendlichen“ wurde und wird in der Stadtgemeinde Bremen ein tragfähiges Netz von Jugendhilfeangeboten für Kinder und Jugendliche mit multiplen Problemlagen und Delinquenzbelastung aufgebaut.
Dem Jugendhilfeausschuss sowie der städtischen Deputation für Soziales, Jugend und Integration wurde fortlaufend zum Umsetzungstand des Gesamtmaßnahmeplans berichtet. Ein
Baustein dieses Gesamtmaßnahmeplans ist der Aufbau eines „Kooperationspool für flexible und individuelle Hilfen“.

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Der “Ellener Hof” in Bremen – Für die Abschaffung der Geschlossenen Unterbringung – von Olaf Emig

Der Kampf um die Abschaffung der Geschlossenen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen liegt auf dem Weg in die heimlose Gesellschaft.” Das ist der Titel eines Beitrags in Widersprüche 1/2004 von Olaf Emig (Sozialarbeiter und Diplom Kriminologe).

Rückblickend auf seine ersten sozialarbeiterischen Erfahrungen im von der Inneren Mission bis 1986 betriebenen Bremer geschlossenen Heim “Ellener Hof” entwickelt Olaf Emig seine Argumente gegen jegliche Form geschlossener Unterbringung und (noch weitergehend) für eine heimlose Gesellschaft.

Olaf Emig war langjährig tätig im Amt für Soziale Dienste Bremen und als Lehrbeauftragter im Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule Bremen. Er verstarb leider 2016, nachdem er kurz zuvor eine Petition gestartet hatte gegen die neuerlichen Pläne des Bremer Sozialressorts zur Schaffung eines Geschlossenen Heimes. Dieser Versuch konnte nach Protesten erfolgreich abgewehrt werden.

Hier unten ist die Antwort der Senatorin Stahmann vom 25.04.2015 auf Olaf Emigs Petition nachzulesen, die der Bremer Petitionsausschuss online gestellt hatte. “Mobilitätsbegrenzung” und “fakultative freiheitsentziehende Maßnahmen” werden darin für notwendig erachtet.

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„Dressur zur Mündigkeit?“ von Renzo-Rafael Martinez

Persönlicher Erfahrungsbericht eines damals 13-Jährigen, der von 2013 bis 2016 in der Haasenburg war, eines der ersten Kinder, die dort eingewiesen wurden:

Das Phasenmodell in der Haasenburg

Meine Ankunft in der Haasenburg

Kein Kontakt mit dem Jugendamt

Täuschung

Fixierung

Gebrochen

Entlassen und allein

Schlussworte: Ich träumte jeden Tag von der Haasenburg, hatte Albträume, dass ich wieder dort aufwache. Es war alles surreal. Ich habe mit jeder Faser meines Seins Dinge gelernt, die ich als ultimative Wahrheiten akzeptiert hatte, um hinterher festzustellen, dass es wertloses Wissen war. Alles war wertlos, was ich dort gelernt hatte. Die gesellschaftlichen Strukturen, die dort vorgelebt wurden, waren nicht real.
Sie waren ferner der Realität, als es mir zu diesem Zeitpunkt möglich erschien. Ich war kein Monster, wie mir eingeredet worden war. Ich hatte das alles nicht verdient. Ich habe Jahre der Aufarbeitung gebraucht, um das zu realisieren und auch um verzeihen zu können. Aber verzeihen heißt nicht vergessen und verzeihen heißt auch, mir selbst erlauben zu dürfen, diese
Erfahrungen aufzuarbeiten und mich von dieser Ohnmacht und Wut zu lösen.

Der gesamte Beitrag erschien in der FORUM für Kinder und Jugendarbeit 4/2018 (Seite 30), hier zum Download.

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Bremer “geschützte Station” in der Jugendpsychiatrie mit “Geschlossener Unterbringung”, “Betten zur Fixierung” und “Time-Out-Raum”. Und unbestimmter Dauer ?

Im Rahmen erweiterter Kooperation von Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde in Bremen im Dez. 2018 der Um- und Ausbau der sog. “geschützten Station” der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Bremen-Ost vorgeschlagen. Die Bremer Deputationen für Soziales und für Gesundheit und der Bremer Senat stimmten diesem Ausbau der sog. “Kriseninterventionsplätze für Kinder und Jugendliche” mit dem dazugehörigen “Betriebskonzept” zu. Dies wird dargestellt als die Alternative zum “eigenständigen Bau einer Einrichtung mit fakultativ geschlossenen Plätzen”. In der Begründung incl. Betriebskonzept der Klinik (Vorlage für die Deputationen vom 29.11.2018) heißt es (Auszüge):

“Mit Beschluss vom 14.03.2017, Ziffern 4 und 8, zur „Entscheidung über die Umsetzung einer Fakultativ geschlossenen Unterbringung“ hat der Senat im Rahmen des dazu vorgelegten Gesamtkonzeptes den ressortübergreifenden Planungsauftrag erteilt, Möglichkeiten zur kurzfristigen Krisenintervention zu schaffen:

„4. Der Senat bittet die Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport unter Beteiligung des Senators für Inneres Möglichkeiten zur kurzfristigen Krisenintervention zu schaffen“.
„8. Der Senat nimmt den Sachstand der Planung für eine fakultative geschlossene Einrichtung
(Herv. d. V.)(Planungsauftrag vom 12.04.2016) zur Kenntnis und folgt unter der Maßgabe, dass die angesprochenen, noch nicht realisierten Maßnahmen unter B. Lösung (Verstärkung begleitender Maßnahmen in U-Haft- und Strafhaft, Maßnahmen nach Haftentlassung, Maßnahmen zur Krisenintervention, u.a.) zeitnah realisiert werden, der Empfehlung, die Planung für eine solche Einrichtung zu beenden und angesichts der beschriebenen Entwicklungen von einem eigenständigen Bau einer Einrichtung mit fakultativ geschlossenen Plätzen in Bremen Abstand zu nehmen.“

Insbesondere in Krisensituationen, in denen es zu eskalierten Verhaltensweisen seitens der Jugendlichen kommen kann, sind adäquate Reaktionsmöglichkeiten seitens der Polizei, der Jugendhilfe, der Justiz und auch der Psychiatrie durch Schaffung eines gering dimensionieren Angebots (ca. 2 Plätze) für eine kurzzeitige Krisenintervention notwendig.“ (Vorlage der Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport (SJFIS) für den Senat vom 03.03.2017).

„Die Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport wird gemeinsam mit der Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz in einer gesonderten Senatsvorlage, die derzeit in der Ressortabstimmung ist, die haushälterischen Voraussetzungen für den Um- und Ausbau der geschützten Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie schaffen.“ (2.Sachstandsbericht zum Gesamtmaßnahmenplan für den Umgang mit delinquenten Jugendlichen“ der Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport (Stand 13.06.2018, für die Sitzung des Senats am 31.07.2018) Siehe auch Vorlage für die Sitzung der städtischen Deputation für Soziales, Jugend und Integration am 23.08.2018 „2. Sachstandsbericht zum Gesamtmaßnahmeplan für den Umgang mit delinquenten Flüchtlingen“, Lfd. Nr. 234/19 Dep, Seit 7, Ziffer 3.

Im angehängten (s.o.) Betriebskonzept des Chefarztes und der Klinikpflegeleitung der Jugendpsychiatrie im Klinikum Bremen Ost werden das Konzept, die Maßnahmen und der dafür notwendige räumliche und personelle Rahmen skizziert. Es tauchen darin folgende Sätze auf (Auszüge):

1.4. “Aktualisierte Anforderung…”: Insbesondere aufgrund zunehmender, schwerer Gewalttätigkeit junger Frauen und Männer, der Zunahme schwerster psychischer Krisen bei Jugendlichen im Rahmen des Konsums “neuer”, überwiegend synthetischer Dogen und der Zunahme von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, ist die Kapazität der geschützten Station nicht mehr ausreichend. Dadurch kommt es immer wieder zu einer deutlichen Überbelegung oder dazu, dass Patienten mit subakuter Selbstgefährdung (wie z.B. exzessiv schulmeidende Jugendliche (Herv. d. V.)) nicht oder auf den offenen Stationen der Klinik nur eingeschränkt behandelt werden konnten.” (…)

Einheit A: – Time-Out-Raum (Herv. d. V.) , – 4 Einzelzimmer, in denen auch die Möglichkeit der Fixierung besteht (…)

Rotation von der und in die akute Station. Die Mitarbeitenden sind durch die akute geschlossene Behandlungsform (Herv. d. V.) besonders belastenden Situationen ausgesetzt. …

Geplante Aufnahme. – Bei subakut gefährdeten Patient/Innen erfolgt nach Genehmigung der geschlossenen Unterbringung nach § 1631b BGB durch das Familiengericht (Herv. d. V.) eine Benachrichtigung der Klinik, wonach die Patient/In dann einbestellt werden.

Besonders problematisch erscheinen bei diesem Betriebskonzept die unklaren Formulierungen zu Zeitdauer und Definitonsmacht der verantwortlichen Jugendpsychiater*innen über die “notwendige Dauer” des Aufenthaltes in der Station KiJu und darin besonders des total geschlossenen Teils mit Time-Out Raum und Betten zur Fixierung. Im ungünstigsten Fall könnte hier eine unbestimmte Dauer und eine Verletzung der UN Kinderrechtskonvention) angelegt sein.

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Ombudsstellen für Hamburg

Zum Download als pdf: FORUM 1/2020 – Ombudsstellen für Hamburg

“… Fünf Jahre nach der Einführung einer Pilot-Ombudsstelle im Bezirk Mitte soll nun ein Konzept für eine hamburgweit tätige Stelle ausgearbeitet werden. … Ein zentraler Aspekt wird über alle Artikel hinweg deutlich: Eine Ombudsstelle, die nicht neutral ist, verfehlt ihren Zweck. Die Unabhängigkeit von Ombudsstellen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sie überhaupt in Anspruch genommen werden.

Um dieses Strukturmerkmal dreht sich – unter anderen – der Eröffnungsbeitrag von Prof.‘in Dr. Nicole Rosenbauer, die uns deutlich macht, was Ombudschaft braucht, um sich gegen Inbesitznahmen abgrenzen zu können und dabei den Anspruch, systemverändernd zu wirken nicht zu verlieren. Prof. Dr. Johannes Richter, Hauptverantwortlicher der wissenschaftlichen Begleitforschung des Pilotprojektes in Hamburg, schließt an diesen Beitrag an und thematisiert u.a. verdeckte Konfliktlinien innerhalb des fachpolitischen Diskurses über Ombudsstellen.

Raphael Heinetsberger hat sich für uns mit den beiden Projektkoordinatorinnen der Berliner Beratungs- und Ombudsstelle Jugendhilfe Tania Helberg und Ulli Schiller unterhalten. Von dem reichen Erfahrungsschatz dieser bereits vor 17 Jahren gegründeten ersten Ombudsstelle können wir in Hamburg sehr profitieren. In dem Interview wird deutlich, dass – wenn man das Wort Partizipation Ernst nimmt – Konflikte und Aushandlung verschiedener Positionen zum Alltag der Kinder- und Jugendhilfe ebenso wie Information und Aufklärung einfach dazugehören. „Partizipation heißt auch, dass junge Menschen darin unterstützt werden, ihre Rechte zu erkennen und selbst durchzusetzen“ brachte Raphael Heinetsberger es bereits im vorhergehenden Heft auf den Punkt.

Außerdem haben wir noch das Gespräch mit Laura, Oskar und Verena vom MOMO-Büro im Ohr, in welchem sie uns auf einen anderen Aspekt hinweisen: Eine Ombudsstelle darf nicht Ombudsstelle heißen, sonst weiß niemand, was das ist!

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Schwierige Kinder oder schwierige Systeme?

Download als pdf: FORUM 3/2019

“…Den Zusammenhang zwischen der „Besonderung“ von Kindern und Jugendlichen und ihrer Kategorisierung und Diagnostizierung als „Problemkind“ „schwierig“, „verhaltensauffällig“ oder eben „besonders herausfordernd“ belegen Fabian Kessel und Nicole Koch anhand einer Studie von 2014 zu 11-14jährigen (!), die geschlossen untergebracht wurden.

All diesen Zuschreibungen ist gemein, dass es das Kind ist, was abweicht von einer Norm, welches „schwierig“ ist und die pädagogische Arbeit erschwert bis verunmöglicht und daher besondere Maßnahmen einzuleiten sind. Völlig aus dem Blick geraten dabei schwierige Ausgangssituationen, verunmöglichende Rahmenbedingungen oder Fehlentwicklungen im Jugendhilfesystem….”

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Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen. Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933 – 1945

Buch: Gerda Engelbracht, „Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“. Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933 – 1945, Edition Falkenberg für den Preis von 9,90 € (ISBN 978-3-95494-160-5)

Ausstellung: Die Wanderausstellung „Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“. – Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933 – 1945 und das Begleitbuch sind das Ergebnis eines Forschungsprojektes, das im Auftrag des Diakonischen Werkes Bremen e.V. durchgeführt wurde. Bei Interesse, die Ausstellung zu zeigen, wenden Sie sich bitte an:Dr. Jürgen Stein. Verbandskoordination Diakonisches Werk Bremen e.V. Telefon +49 421-163 84 16Mobil +49 1629-734330 stein@diakonie-bremen.de

Kritik am Vorwort: In dem Vorwort der grünen Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann zu dem Buch „Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“, wird zwar zu “Wachsamkeit gegenüber geschlossenen Systemen in der Jugendhilfe” aufgerufen, aber diese selbst nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Sie meint, der staatliche Schutzauftrag und die Förderung von Kindern in geschlossenen Einrichtungen könne durch “…Beteiligung, Partizipation, offene Strukturen oder die Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilien der betroffenen Kinder und Jugendlichen” gewährleistet werden. Ihr Argument ist paradox, denn wie sollen in Geschlossener Unterbringung offene Strukturen gewährleistet werden?

In der seit 2015 andauernden Debatte für oder gegen Geschlossene Unterbringung in Bremen hat sich Frau Stahmann mehrfach öffentlich für Phasenmodelle positioniert (und dies bis heute nicht widerrufen): Für 3-Stufen Einrichtungen: 1. Stufe geschlossen, 2. Stufe fakultativ, 3. Stufe offen. Sie gab zu, dass „…wir [Jugendamt Bremen] … auch einige der bundesweit 400 Heimplätze belegen [in geschlossenen Heimen in Deutschland]. Sie favorisierte eine „intensiv-pädagogische Einrichtung plus“ mit ca. 20 Plätzen, auch “Intensivpädagogische Komplexeinrichtung” genannt.

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Ehemaliger Sozialstaatsrat FREHE reicht im Juli 2016 eine Petition ein gegen den Bau einer Geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung

Der ehemalige grüne Staatssekretär im Bremer Sozialressort (2011-2015) Horst Frehe reichte nach seinem Ausscheiden aus der Landesregierung im Juli 2016 diese Petition ein: “Keinen Bau einer geschlossenen Unterbringung (GU) für Jugendliche in Bremen – stattdessen Instrumente des Jugendhilfesystems im Umgang mit delinquenten Jugendlichen ausbauen.”

Frehe im Weserkurier vom 13.07.2016“Wir wollen jetzt Druck außerhalb der Parteien und der Politik aufbauen, denn der Senat hält an der geschlossenen Unterbringung fest, obwohl man eigentlich weiß, dass es falsch ist. Es geht auch um Stimmungsmache, die immer wieder gezielt eingesetzt wird. Man hat das Problem der geflüchteten Jugendlichen, die Ärger machen, weg von den Bereichen Justiz und Inneres und hin zum Sozialressort geschoben. Die Jugendhilfe sollte das Problem lösen.”

Im bremischen Haushalt 2016/17 wurden 100.000,- Euro an Planungskosten angesetzt. Die nicht unerheblichen Kosten für die “Baureifmachung” des lange leerstehenden ehemaligen JVA Geländes im Blockland (Abriss) wären gewaltig gewesen. Der Neubau sollte über “Investoren” finanziert werden. Das erinnert an amerikanische Privatgefängnissysteme !?

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Bremer Jugendhilfe-Träger schlagen neue Strategie vor.

Im November 2015 starteten Bremer Jugendhilfeträger eine alternative Initiative zum professionellen Umgang mit den “auffälligen Jugendlichen”. In den unten verlinkten Weserkurierartikeln wird ausführlich berichtet.. Carolin Becker (Projektleiterin der Hamburger Koordinierungsstelle) schilderte dabei die guten Erfahrungen damit im Vorfeld geplanter Unterbringungen.

Carolin Becker: “Bei uns kommen Mitarbeiter von sechs Trägern der Jugendhilfe alle 14 Tage für vier Stunden zusammen. Dann sprechen wir gemeinsam über die Fälle der Jugendlichen und laden dazu interdisziplinär Gäste ein, Experten, die den Jugendlichen kennen: Betreuer, Drogenberater, Jugendpsychiater, Jugendamtsmitarbeiter. Gemeinsam versuchen wir, alle Informationen zusammenzutragen und uns in den Jugendlichen hineinzuversetzen, um herauszufinden, was er persönlich braucht.”

http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadtreport_artikel,-Initiative-fuer-auffaellige-Jugendliche-_arid,1261350.html

http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadtreport_artikel,-Ohne-Kooperation-geht-es-nicht-_arid,1265626.html

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