Offener Brief der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung zur Haasenburg GmbH

Kinder und Jugendliche in Heimerziehung schützen

Offener Brief

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Bericht der taz vom 15.06.2013 über das geschlossene Heim der Haasenburg GmbH in Brandenburg hat uns erschüttert. Im Bericht werden detailliert Gewaltmaßnahmen gegen Kinder und Jugendliche beschrieben, darunter die sog. „Handklemme, bei der die Handgelenke geknickt werden“, Fixierung mit Gurten u.a. mehr. Laut taz vom 19.06.2013 kam es dabei auch zu Knochenbrüchen. „Totale Unterordnung“ lautet eine Forderung des sog. Aufnahmeordners. „Wenn die Jugendlichen in der Reihe stehen, ist der Mund geschlossen und der Blick nach vorne gerichtet“ heißt es in den Hausregeln. Der Bericht erscheint gründlich recherchiert und glaubwürdig. Wenn die Darstellungen der taz zutreffen, wird in der Haasenburg eine Praxis fortgesetzt, mit der in den 50er und 60er Jahren in der alten Bundesrepublik tausende von Kindern schwer traumatisiert wurden, und ebenso in den Werkhöfen der DDR bis zu deren Ende. Die Aufarbeitung dieser organisierten Kindesmisshandlung ist noch im Gange. Umso erschreckender ist es, dass eine solche „Pädagogik“ offenbar noch heute in Deutschland stattfindet, unter Aufsicht staatlicher Stellen.

Als Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung berühren uns die Berichte über die Haasenburg in mehrfacher Hinsicht:

  • Auch Kinder und Jugendliche aus Hamburg werden in die Haasenburg geschickt, aktuell sind dort neun männliche und drei weibliche Minderjährige.
  • In der Beratung von Familien erfahren wir die Weitergabe und destruktive Wirkung von Traumatisierungen über die Generationen, darunter auch Traumatisierungen von Eltern, die ihre Kindheit im Heim verbrachten. Sollen die jetzt dort untergebrachten Kinder einmal die nächste Generation von Heimkindern hervorbringen?
  • Als ErziehungsberaterInnen sind wir therapeutisch ausgebildet und arbeiten mit therapeutischen Methoden. Nun lesen wir, dass die o.g. Gewaltmaßnahmen von der Haasenburg als „Therapie“ deklariert werden. Das ist zynisch. Tatsächlich geschieht das Gegenteil: die nachhaltige Schädigung von Kinderseelen.
  • In der Beratung von Eltern vertreten wir den gesetzlichen Anspruch des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung. „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“, so steht es im § 1631 BGB. Wie sollen wir dieses Recht glaubwürdig vertreten, wenn es unter staatlicher Aufsicht massiv gebrochen wird?
  • Manchmal reichen die Möglichkeiten der Beratung und die Ressourcen von Familien nicht aus zur Lösung von Problemlagen. Dann besteht unsere Aufgabe u.a. darin, die Familien bei der Annahme weitergehender ambulanter oder stationärer Hilfen zu unterstützen und Ängste gegenüber Jugendämtern und Einrichtungen der Jugendhilfe abzubauen. Wie können wir dies glaubwürdig tun, wenn Jugendhilfe so eklatant versagt wie im vorliegenden Fall?

Es ist uns wohl bewusst, dass Kinder und Jugendliche, wie sie in der Haasenburg leben, die Jugendhilfe vor schwierigste Herausforderungen stellen. Das kann die dort praktizierten Maßnahmen jedoch nicht rechtfertigen, zumal es durchaus Alternativen gibt: Die Erlebnispädagogik der 80er und 90er Jahre, z.B. auf Segelschiffen, wurde in den Medien viel gescholten, fand in der Fachwelt jedoch durchaus Anerkennung. Teurer als die Unterbringung in der Haasenburg (rd. 10.000,- € pro Monatund Kind) dürfte sie im Übrigen auch nicht sein. Gut erprobt in der Arbeit mit hoch aggressiven Kindern und Jugendlichen ist auch der vom israelischen Familientherapeuten Haim Omer entwickelte Ansatz des gewaltfreien Widerstands in der Erziehung.

Unmittelbar geboten erscheint aus unserer fachlichen Sicht

  • die sofortige Rückholung der in der Haasenburg untergebrachten Kinder und Jugendlichen,
  • der Stopp jeder weiteren Belegung mit Hamburger Minderjährigen,
  • sowie die Entwicklung gewaltfreier pädagogischer Konzepte auch für Kinder mit hoch destruktiven Verhaltensweisen.

Die Hoffnung, ein totales System wie die Haasenburg reformieren zu können, erscheint uns nicht realistisch. Wir fordern die Verantwortlichen in Politik und Behörden auf, den unerträglichen Zuständen in der Haasenburg schnell ein Ende zu machen. Wir sind jederzeit bereit, den beteiligten politischen Gremien, Ämtern und Einrichtungen bei dieser verantwortungsvollen Arbeit mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Einer Antwort der Angeschriebenen sehen wir mit Interesse entgegen.

Mit freundlichen Grüßen
Horst Imelmann (für den Vorstand)

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